Ich beginne mit dem Schreiben des ersten Satzes - und vertraue auf den Allmächtigen Gott für den zweiten.

Laurence Stern
Autor*in werden,  Buch schreiben,  Freude & Flow

Das Abenteuer des Unbekannten

Viele (angehende) Autoren glauben, um ein Buch zu schreiben, brauche man einen Plan. Und zwar einen guten, besser noch: den richtigen Plan!

Hunderte Ratgeber zementieren diesen Glauben, vergessen dabei aber eines: Dass nicht jeder Mensch seine Kreativität im Rahmen eines Plans optimal ausdrücken kann.

Stell dir mal vor, man hätte Picasso gesagt: Du, also laut Plan kommt nach der Blauen eine gelbe und nicht die Rosa Periode! Sorry! Aber so geht’s nicht!

Picasso hätte vermutlich nur gelacht. Und dann weitergemalt, wie es ihm passt. Und damit hätte er auch recht gehabt. Und die Kunstgeschichte gibt ihm auch recht.

Seit wann plant denn ein Künstler – irgendwas?

Schon mal gesehen? Ein Künstler mit einer Exceltabelle oder mit einem Tool wie Trello und wie sie nicht alle heißen?

Ja, habe ich tatsächlich gesehen! In meiner langjährigen Autor*innengruppe gibt es eine Planerin, und bei ihr funktioniert es! Das ist wunderbar. Alle anderen scheitern mit jedem Plan. Wir schreiben einfach frei Schnauze und passen im Notfall eben später alles an. Erstaunlicherweise bringen wir alle so nach und nach die Bücher zu Ende und qualitativ ist da auch nicht wirklich ein Unterschied festzustellen.

Gut, das ist jetzt keine wissenschaftliche Untersuchung mit Tausenden von Probanden und deshalb bildet unsere verhältnismäßig kleine Gruppe nicht die Welt ab – und dennoch. Ich sehe es immer und immer wieder.

Autoren, die versuchen zu planen, scheitern und aufgeben. Oder weiter durch ihre Pläne stolpern, hier und da etwas schreiben.

Aber irgendwie ist die Luft raus.

Ich glaube, das liegt daran, dass nicht alle Menschen gleich funktionieren. Man kann nicht sagen: Mach es genau so! und dann passt das für alle.

Genauso gut kann es auch anders sein. Und es wäre sinnvoller zu schauen, wie bei einem anderen Autor der kreative Prozess leicht und locker ablaufen kann – dann wird das Buch geschrieben und fertig ist es! Tadaaaah!

Ich nenne die Menschen, die nicht nach Plan schreiben können, nicht wie im angelsächsischen Sprachraum üblich die „Pantsers“. (Dort unterscheidet man in Autorenkreisen schon lange „Planners and Pantsers“, das Phänomen der unterschiedlichen Herangehensweisen ans Schreiben ist dort längst bekannt. Planners sind Planer und Pantsers sind die, die sich auf ihren Hosenboden setzen müssen – ist aber eigentlich eine bescheuerte Bezeichnung, da alle Autoren auf ihrem Hosenboden sitzen. Auch die Planer.)

Ich nenne die Pantsers nicht Pantsers, sondern Abenteurer oder Schatzsucher. Warum? Weil sie sich auf das Abenteuer des Schreibens ins Ungewisse einlassen – und das wird der Motor ihrer Kreativität.

Unterstreich dir das, schreibe es dir heraus, hänge es dir über den Schreibtisch oder tätowiere es dir auf deine Schreibhand: Mit dir ist nichts verkehrt, wenn du nicht nach Plan schreiben kannst! Schreibe einfach ins Ungewisse und lasse dich auf das Abenteuer ein!

Das Ungewisse? Echt jetzt? Einfach drauflos schreiben?

Ja!, antworte ich dann immer. Und die Leute fangen endlich an zu schreiben. Manche schreiben plötzlich wie die Wilden, endlich dürfen sie aufbrechen ins Nicht-Gewusste und die weißen Papierseiten zu weißen Flecken auf der Karte verwandeln, die es zu erforschen gilt.

Halleluja!

Aber der Plot?, rufen alle Autoren, die vorher Handlungsskizzen anfertigen. Aber die Höhepunkte? Die Spannung?

Nun, stelle ich dann die Gegenfrage: Wie spannend ist es denn eigentlich, wenn man ins Ungewisse aufbricht, anstatt mit Hilfe des Navigationsgerätes sicher von A nach B zu fahren? Hmm?

Die Spannung, die überraschenden Wendungen, die erstaunlichen Ereignisse auf dem Weg – ja, auch die Umwege … sie machen das Leben aus! Und auch die lebendigen Bücher, die entstehen, wenn Autoren sich auf eine abenteuerliche Reise einlassen, die sie selbst beim Schreiben regelrecht „miterleben“, statt sie vorher zu planen und ihre Figuren dann diesem oder jenem geplanten Ereignis auszusetzen.

Außerdem haben wir alle Hollywood sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. Die Handlungselemente mit Höhepunkten etc. sind so tief im Unterbewussten verankert, dass wir fast jeden Film zumindest von der Struktur voraussagen können.

Oder?

Es ist selten, dass im Film der Held NICHT aus seiner bekannten Umgebung herausgerissen oder anderweitig motiviert wird, sein gewohntes Umfeld zu verlassen. Es ist selten, dass er NICHT einen starken Drang hat, etwas zu erreichen. Es ist selten, dass er NICHT auf eine Reise ins Unbekannte geht, wo er allerlei Widerstand bekommt. Es ist selten, dass der Held NICHT fast völlig verzweifelt, die Hoffnung aufgibt, und sich dann doch noch einmal zum Kampf (oder Liebesgeständnis etc.) rüstet. Es gibt selten überhaupt keinen Endkampf oder ein anderes finales Ereignis (oft auch eine Rede vor Publikum, wo der Held seine Wahrheit offenbart).

Tadaaah!

Wir alle kennen das in- und auswendig. Es ist uns zwar mehr oder weniger bewusst, aber wenn wir anfangen zu schreiben, wird auch unbewusstes Wissen aktiviert. Sonst wäre das Ganze ja auch irre langweilig.

Und wir können später noch Änderungen vornehmen. Niemand hat gesagt, dass auch ein Autor, der Abenteurer oder Schatzsucher ist, nicht später noch seinen Text auf den Handlungsstrang überprüfen und ihn anpassen kann.

Doch das geschieht dann erst hinterher – und nicht vorher, wie bei den Planern.

Ja, man hat dann etwas mehr zu ändern. Nein, man kann das als nicht-planender Autor nicht vorher machen.

Denn die Handlung entsteht ja erst BEIM Schreiben. Der Plot entfaltet sich, WÄHREND er geschrieben wird.

Mir geht es nicht um falsch oder richtig, denn nach Plan zu schreiben oder nicht ist nicht falsch oder richtig, sondern es ist eine Möglichkeit, ein Buch zu schreiben. Es gibt noch einige andere Möglichkeiten (mehr dazu in den Flow-Mails, die du hier gratis abonnieren kannst), und eine habe ich mit dem Schatzsuchen vorgestellt – ein Autor begibt sich zusammen mit seinen Figuren auf die Suche nach dem Schatz – und darf gespannt sein, ob und wie er gefunden wird.

So spannend!!!

Wenn du allerdings mit dem Planen gut zurechtkommst und dir das Schreiben so Spaß macht, dann solltest du damit keinesfalls aufhören! Kauf dir einen guten Ratgeber, wie man eine vernünftige Plot-Struktur anlegt – und dann plane und schreibe! Wir dürfen uns auf das Ergebnis freuen!

Und alle anderen, die mit dem Planen nicht zurechtkommen, sei gesagt: Fang an! Schicke deine Figuren auf die Reise – und du darfst gespannt sein, was du alles miterlebst, wenn du es aufschreibst!

Eine Anmerkung noch für die Sachbuch- und Ratgeber-Autoren: Hier erscheint es oft noch sinnvoller, eine Struktur zu erstellen. Und ja, das kann das Schreiben sehr vereinfachen. Man kann es sich vorstellen wie ein Gerippe: Man macht ein Inhaltsverzeichnis und füllt dann Kapitel um Kapitel mit Leben.

Leider funktioniert auch bei den Sachbuch-Autoren diese Vorgehensweise nicht für jeden. Da ich es immer wichtiger finde, dass Text entsteht, den man später ändern kann, als dass der Plan perfekt ist und dann nicht geschrieben wird, würde ich auch diesen Autoren raten, einfach zu schreiben und zu schauen, was geschieht.

Denn mehr Text ist besser als kein Text. Dank den modernen Textverarbeitungsprogrammen kann man ja später alles wieder ändern, sofern notwendig.

Wichtig ist mir immer, dass Autoren das tun, was sie tun wollen: nämlich schreiben! Und wenn es auf die eine Weise nicht funktioniert, dann eben auf eine andere!

Was ist DEIN kreativer Prozess? Hast du es schon einmal ausprobiert?

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